Rückblick auf das OpenVMS BootCamp 2016

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15.10.2016 - Vor einigen Tagen ist das OpenVMS Bootcamp 2016 in Nashua,N.H. über die Bühne gegangen. Hans Bachner (b.it.co), ein Urgestein der OpenVMS Community, war dort und hat für uns die Veranstaltung zusammengefasst:

Am Bootcamp waren heuer gefühlt wieder etwas mehr Teilnehmer als im Vorjahr. Ich habe zwar (noch) keine konkreten Zahlen, aber bei der Eröffnungs-Session waren wohl um die 140 Leute im Saal. VSI war sehr stark vertreten und hat eine Menge Vorträge angeboten. Man konnte problemlos die drei Tage ausschließlich bei VSI-Präsentationen verbringen - was für die übrigen Referenten durchaus ein Handicap hinsichtlich der Teilnehmerzahl bei ihren Vorträgen war. Beim abschließenden "Engineering Panel" waren gar gut 30 VSI-ler dabei (nicht nur Engineers, auch Duane Harris, Wayne Beeson, Amanda + Sue Skonetski, ich glaube auch Johan Gedda...).

Betrachtet man die erzielten Fortschritte, hinterlässt das Team einen ausgezeichneten Eindruck.

Nur wenige Tage vor dem Bootcamp wurde V8.4-2L1 freigegeben, deren größter Schwerpunkt die Umstellung aller SSL-basierenden bzw. SSL-nutzenden Komponenten auf die aktuelle Version (unter VMS "SSL1 V1.0", in der Open Source Ecke 1.0.2h) ist. Es gibt nach etlichen Jahren auch einen neuen, recht aktuellen Secure Web Server (basiert auf Apache 2.4.12) und einen ECO zu TCP/IP V5.7 (vor allem auch wegen der neuen SSL-Version).

Zum neuen VSI TCP/IP Produkt gab es einige Informationen. VSI hat von Process Software den aktuellen Stand von Multinet lizensiert und baut darauf sein eigenes Produkt auf. Noch wird an der engen Integration zu VMS inklusive einer zum bisherigen DEC/CPQ/HP Stack kompatiblen Befehls-Schnittstelle gearbeitet. VSI TCPIP 10.5 wird voraussichtlich im ersten Halbjahr 2017 freigegeben werden und kann dann eine Zeitlang alternativ zum alten Stack installiert werden, ehe es zum Standard-IP-Stack für VSI OpenVMS wird (vermutlich erst mit V9). Process Software wird Multinet auch weiter entwickeln und wie bisher auch für ältere VMS-Versionen/Plattformen anbieten.

In der Woche vor dem Bootcamp fiel auch die Entscheidung, eine (nach derzeitigem Stand wirklich nur eine) OpenVMS/Alpha-Version herauszubringen, basierend auf V8.4-2L1. Dafür wird auch Support angeboten, laut Clair Grant "for a very long time". Auch wenn es ein ausdrückliches Nicht-Ziel dieser Version ist, das Leben von Alpha langfristig auszudehnen, ist das möglicherweise für einige "hartnäckige" Alpha-Betreiber ein guter Anlass, noch einmal zu einer ziemlich aktuellen Version, noch dazu mit Support, zu kommen. HPE stellt ja mit Jahresende den "Standard Support" für OpenVMS/Alpha ein und bietet nur noch "mature product support without sustaining engineering" an. Mit anderen Worten: wenn jemand ein bereits bekanntes und vor allem *gelöstes* Problem hat, bekommt er auch die Lösung; am Code selbst wird aber nichts mehr angerührt.

VSI verfolgt vor allem ein Ziel: Migrationswillige solange mit einer supporteten Version bei der Stange zu halten, bis sie auf x86 umsteigen können und ihnen eine zwischenzeitliche Migration auf Itanium zu ersparen.

Andy Goldstein ("on contract to VSI") hat einen sehr interessanten Vortrag zum neuen Filesystem gehalten. Es wird in zwei Abschnitten ausgeliefert:

  • Performanceverbesserungen voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2017
  • "big files/volumes" (64-bit LBN Adressierung) erst mit V9 - da hängt einfach zuviel dran.

Bessere Performance hat er in einer Life-Demo schon vorgestellt, z.B. ein paar zig-tausend Files anlegen oder löschen. Die Demo beginnt mit $ INIT /STRUCTURE_LEVEL=6 :-) Darüber hinaus hat er Einiges über den Aufbau und die Arbeitsweise (Metadaten werden Log-basiernd abgelegt, Nutzdaten immer sofort direkt geschrieben) erläutert.

Java 1.8 soll jetzt wirklich im Q1/Q2 nächsten Jahres kommen, Camiel wendet inzwischen auch einen Teil seiner Zeit dafür auf.

Die Portierung auf x86 ist gut unterwegs. Clair Grant hat nicht ohne Stolz festgehalten, dass der ursprüngliche Plan bis dato unverändert gilt und abgearbeitet wird. Es wird hier an einigen Baustellen gleichzeitig gearbeitet:

  • Umstellung von EFI auf UEFI auf den Itanium Servern (schon mit 8.4-2, wenn ich mich nicht täusche), um auf beiden Plattformen einen "gemeinsamen Nenner" zu haben
    - von UEFI wird mit den Boot-Treibern des Hardware-Herstellers künftig nur noch ein Disk-Image ins Memory geladen und von dieser Memory-Disk gebootet - nie wieder VMS-eigene Bootdriver schreiben!
  • auf x86 werden nur der Kernel- und der User-Mode der Hardware genutzt, da die beiden übrigen Modi dort nicht (für VMS) ausreichend in der Hardware implementiert sind. Supervisor- und Executive-Mode werden in Software realisiert, das bedeutet u.a. getrennte Pagetables für die einzelnen Modi. Ein Prototyp der neuen Lösung läuft bereits auf Itanium.
  • auf der Compilerseite wird ja künftig LLVM eine große Rolle spielen. Um die alten GEM-basierten Compiler weiter nutzen zu können, wird gerade eine Komponente entwickelt, die die "intermediate language" von GEM in die "intermediate language" von LLVM übersetzt (dieser Mechanismus, das Zusammenspiel alter und neuer Compilerteile, wurde ja schon im Vorjahr vorgestellt). Diese Komponente ist inzwischen weitgehend fertig.
  • momentan wird heftig am endgültigen Memory-Layout und am Linker gearbeitet,
  • daneben sind die verbesserte LAN-Treiber-Architektur und zahlreiche kleinere Themen am köcheln


VSI eröffnet dieser Tage (oder zumindest noch heuer, hab ich mir nicht genau gemerkt) ein Büro in Malmö, um dorthin vor allem Arbeiten an den Open Source Produkten auszulagern. Ein erfahrener Entwickler wird dort mit einem kleinen Team junger Leute arbeiten.

Seit ca. drei Monaten hat VSI auch einen Support-Mitarbeiter in Europa: Wolfgang Kobarg-Sachsse, vorher gut 15 Jahre im deutschen Oracle Rdb Support, hat diese Aufgabe übernommen.

Das nächstjährige Boot Camp wird voraussichtlich - Überraschung - in Bolton stattfinden. Connect / VSI haben dort ein Hotel gefunden, das sich angeblich hervorragend dafür eignet.

Last but not least hat Camiel Vanderhoeven seine drei Präsentationen auf YouTube gestellt (Folien + Audio-Aufzeichnung):

Alles in allem - drei Tage prall gefüllt mit höchst erfreulichen Information rund um OpenVMS (plus einem optionalen "pre-conference seminar"), interessante Angebote von Sponsoren und anderen Ausstellern, Auffrischen alter und Knüpfen neuer Kontakte - was will man mehr?